Fia: Polyamor in Wurzen.

Fia (sie/ihr)
Fia: Polyamor in Wurzen.

Mein Name ist Sophia und meine Geschichte ist vielleicht gar nicht so queer, wie du dir das von einer Person vorstellst, die hier einen Beitrag schreibt. Gerne erzähl ich sie dir jedoch und wie queer dir das Ganze dann vorkommt, kannst du am Ende selbst entscheiden.
Ich bin SOPHIA, weiblich und identifiziere mich auch seit ich klein war als weiblich. Ich mochte das, mit Barbies und Puppen zu spielen, und bewunderte die singenden schönen Prinzessinnen in den Disney Filmen. Zwar kann ich mich auch noch gut an die kleinen bunt glitzernden Spielautos mit ihren dicken Reifen erinnern und wie cool ich nicht nur diese, sondern auch Robin Hood fand, wie er kreativ, frech und locker den geizigen König übers Ohr zog. Jedoch schloss ich niemals aus, dass sich diese Eigenschaften vom König der Diebe mit einem schönen Kleid und hübschen Mädchen-Gesicht verbinden ließen.
In meiner Kindheit war ich oft sehr laut und wild. Mir zerbrachen öfters mal Dinge, die ich dann verblüfft ansah. „Wie ist das denn jetzt schon wieder passiert?“, fragte ich mich dann, in Angst dafür angeschrien zu werden oder jemanden traurig zu machen, weil ich es kaputt gemacht hatte.

Als ich etwas älter wurde und in die Schule ging, wurden meine Eltern gebeten, mich zum Arzt zu bringen, um ADHS Medikamente verschrieben zu bekommen. Denn offenbar war es schwer, eine 30 Kinder große Gruppe zu unterrichten, wenn eines davon immer etwas zu hibbelig oder laut war. Meine Mutter entschied sich dagegen, brachte mich aber auch nicht zu einem Verhaltenscoach oder Ähnliches.
Warum ich dir von meinem ADHS erzähle, macht vielleicht mehr Sinn, wenn wir weiter spulen bis zur weiterführenden Schule, als ich in etwa 13 Jahre alt war und das erste Mal sexuelles Interesse an Jungs in meinem Alter zeigte. Ich hatte bedingt durch meine Art als unbehandeltes ADHS Kind, Schwierigkeiten, Anschluss zu finden. Gute Freunde waren eben zuverlässig, konnten gut zuhören und redeten nicht so viel über sich selbst, wie ich es tat. Ich verstand nicht, warum sich andere Kinder von mir abwanden. Ich mochte sie doch aufrichtig und war an ihnen interessiert… ich wusste jedoch nicht, wie man das auch zeigte. Ein Wir-Gefühl aufzubauen, durch gemeinsame Rituale wie zusammen zur Schule zu fahren, sich kleine Geschenke zu machen oder einfach den gleichen Lehrer doof zu finden, verstand ich nie. Mir reichte es, zu wissen, dass mein Interesse an einem Menschen aufrichtig und echt war und ich mit guten Absichten auf sie zuging.
Zurück zu den Jungs. Als ich anfing, diese toll zu finden, merkte ich, dass es zwar normal war, für diese zu schwärmen. Jedoch merkte ich auch, dass ich immer viel mehr Jungs toll fand als die meisten meiner Freundinnen. Während Katie nur für Philipp schwärmte, schwärmte ich für sie alle. Schnell wurde es mir zum Verhängnis, mein Interesse so offen zu zeigen. Ich wurde als Schlampe und leicht zu haben bezeichnet, bevor ich überhaupt mein erstes Mal erlebt hätte.
Erst machte es mich traurig, dann wütend. Jedoch war ich es gewohnt, auf Ablehnung und Missverständnis zu stoßen, wegen meiner ADHS-Art, und somit blieb ich mir selbst treu und machte weiter, wie ich es nun mal fühlte: Und zwar poly. Mein Leben lang liebte ich meist mehrere Menschen gleichzeitig freundschaftlich und romantisch. Meine Liebe zu meinen Partnern wurde ständig infrage gestellt, entweder von meinem Partner selbst oder von außen stehenden Freunden, Familienangehörigen bis hin zu Fremden, die mich eigentlich gar nicht kannten.
Ich habe viele Jahre versucht, monogam, also einen Menschen liebend, zu leben. Mein Herz ist aber immer offen geblieben und daran scheiterten die meisten meiner Beziehungen. Ich ging nie fremd, aber ich fühlte mich eingeschränkt und verstand nicht, wie man dieses Beschränken der anderen Person als Liebe bezeichnen konnte. War Liebe nicht das volle Potenzial einer Person zu fördern? Sich gegenseitig die Welt zu eröffnen, und gemeinsam mutig und frohen Sinnes hinein zu treten?

Dann vor etwa 4 Jahren begann ich eine drei Jahre lang anhaltende erste und einzige polyamore Beziehung, die mich letzten Endes auch nach Wurzen brachte.
In unserer Beziehung gab es keine festen Regeln außer, dass wir über Dinge reden. Wir ließen einander wissen wie wir uns mit einer Situation oder einem anderen Menschen fühlten, jedoch ohne die Erwartung, dass der Andere sein Handeln ausschließlich danach richtete. Es war ein ständiges Abwägen und das gefiel mir. Ich fühlte mich gesehen. Ich fühlte mich akzeptiert von meinem Partner in der Art wie, ich liebe. Wir waren uns immer sehr nah. Ich wollte eine Familie mit ihm gründen, er war noch nicht bereit. Wir trennten uns trotz passendem Liebeskonzept. Meine Liebe wurde niemals von ihm angezweifelt und nun weiß ich, dass Polyliebe funktioniert. Dennoch müssen für mich viele Aspekte wirklich langfristig passen, um wirklich glücklich und anhaltend mit jemandem in Beziehung bleiben zu wollen.

Gerade führe ich eine monogame Beziehung mit einem wundervollen Menschen und auf lange Sicht können wir uns beide gut vorstellen, die Beziehung zu öffnen. Zunächst sind es aber nur ich und er. Unser Wunsch ist es, ein Gefühl der Sicherheit innerhalb unserer Beziehung zu kultivieren, bevor wir andere Menschen in diese einbeziehen.

Mein Weg als polyliebende Person war immer mal wieder herausfordernd, aber ich bin froh, dass ich mich selbst mittlerweile dadurch so gut kennengelernt habe und immer besser anderen meine Liebe schenken kann. Ich denke, egal wie man liebt, man sollte sich selbst so akzeptieren wie man ist, natürlich ohne anderen mit seinem Verhalten weh zu tun, und sich Partner suchen, die einen nicht nur verstehen, sondern auch bereit sind sich auf vielleicht alternativen Wegen zu lieben. Diesen Weg sollte man in seinem Tempo und durch ausprobieren gemeinsam erschliessen. Romantische Liebe bedeutet nicht für Jeden mit einem Menschen zusammen zu sein, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Liebe hat viele Arten zu sein. Und wenn sich alle Menschen gesehen fühlen und Geschehnisse abgesprochen sind, ist das genauso richtig wie alles was wir unter “normal” kennen.

Fia (sie/ihr)

Fia (sie/ihr)

Polyamor in Wurzen.